Reader come home – vom Wert der kognitiven Geduld

Anders als die Sprache, ist das Lesen dem Menschen nicht naturgegeben. Es ist eine kulturelle Errungenschaft mit ungeheuren epigenetischen Auswirkungen auf unser Denken. Gut Lesende tragen zu einer gelingenden menschengemachten Evolution bei. Gut ausgebaute Leseschaltkreise im Gehirn haben vielfältige und weitreichende Einflüsse. Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf schlüsselt dies in Bücher lesen (englischer Titel Reader Come Home) eindrücklich auf: kritisches Denken, Empathie und umsichtige Entscheidungsfindung werden von dem, was das Lesen mit uns macht, grundlegend bereichert bzw. sogar erst ermöglicht.

Etwa 10 Jahre nach ihrem grundlegenden Buch Das lesende Gehirn arbeitete Wolf  vor einigen Jahren an einer Neuauflage vor dem Hintergrund neuer technischer Errungenschaften und ihrer eventuellen Auswirkungen.

Sie sah sich jedoch von der Realität überholt: Digitale Medien nehmen bereits einen riesigen Anteil unserer Aufmerksamkeit in Anspruch. Die rasante Digitalisierung hat Teile unseres Denkens und unserer Lesekultur bereits stark verändert. Mit was für Folgen? Was bedeutet das für eine kritische und diskursive Gesellschaft in rasantem Wandel?

Das aus diesen Fragen entstandene Bücher lesen ist ein Appell geworden, eine unbedingte Leseempfehlung!!

Die Neurowissenschaftlerin geht nun vor allem der Frage nach dem Wert des vertieften Lesens vor dem Hintergrund der digitalen Revolution nach. Um die Kontrolle über unsere Errungenschaften zu behalten, um kritisch, kreativ und empathisch zu denken und sich mit den neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, ist all das, was vertieftes (analoges) Lesen erfordert, ungeheuer wichtig. Kognitive Geduld, die ein solches Lesen erfordert, lässt uns Dinge hinterfragen, analysieren und in Alternativen denken. 

Es geht Wolf darum, dieses deep reading zu erhalten. Es gilt zu verhindern, dass die neuen Medien letztlich denjenigen bedeutungslos machen, der sie erfunden hat. Kritisches Bewusstsein erfordert Hintergrundwissen und Analogien, Zeit für Analyse und Diskurs. Um die hierfür erforderlichen Fähigkeiten zu haben, erfordert es Training und Innehalten. Das vertiefte Lesen ist hierfür unabdingbar. Das zeigt Maryanne Wolf in Bücher lesen ganz deutlich und sehr fundiert mit zahlreichen wissenschaftlichen Belegen. Sie wägt ab zwischen digitaler und analoger (Lese)Kultur – und plädiert für einen Weg, in dem die Zukunft beide Medien gewinnbringend zu nutzen versteht.

Zur Bewahrung unserer Kultur im digitalen Zeitalter ist es nötig, dass wir uns nach wie vor bewusst auch (nicht nur!) für das Bücher Lesen entscheiden. Wolf schreibt hierfür ein fundiertes, eindrückliches und leidenschaftliches Plädoyer: Reader come home!

Maryanne Wolf: Bücher lesen. Über die Kunst des Lesens im digitalen Zeitalter. Pantheon Verlag 2026.

Wer Grundlagen genauer wissen möchte (antiquarisch oder Ausleihe):

Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt. Spektrum Akademischer Verlag 2009.